Wie Du stoische Gelassenheit lernst

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Eine Fähigkeit, die uns in diesen herausfordernden Zeiten immer mehr abhanden zu kommen scheint: stoische Gelassenheit.

Als Gesellschaft sind wir heute sensibler hinsichtlich Ungerechtigkeiten und Missständen als noch vor einigen Jahrzehnten – und das ist eine positive Entwicklung. Doch gleichzeitig sind wir auch recht schnell im (Ver)Urteilen und Schubladenfinden für unsere Mitmenschen.

Etwas mehr Ruhe und Besonnenheit würde uns aus meiner Sicht ganz gut tun.

Die vielleicht wertvollste Einsicht zum Thema Gelassenheit hatten die Stoiker in der Antike – und diese ist heute erstaunlicherweise noch genauso aktuell wie vor über 2000 Jahren.

Was uns laut den griechischen und römischen Philosophen wirklich beschäftigen sollte und wie auch Du stoische Gelassenheit lernen kannst, beschreibe ich in diesem Artikel.

Was die Stoiker über Gelassenheit wussten

Die sprichwörtliche „stoische Gelassenheit“ war für die Philosophen des Stoizismus bzw. der Stoa (Beginn um 300 v. Chr.) eine der zentralen Fragen des Lebens. Indem man lerne, sich von Gefühlsregungen wie Wut, Hass oder Angst frei zu machen, und unabhängig von allen Herausforderungen des Schicksals tugendhaft zu handeln, würde man Seelenruhe gewinnen – einen erstrebenswerten Zustand.

Die wichtigste Methode, um diese Seelenruhe bzw. Gelassenheit zu erreichen, besteht darin, genau zu unterscheiden, was wir als Einzelner kontrollieren können und was nicht.

Stoische Gelassenheit wird sich dann einstellen, wenn wir die Dinge, die außerhalb unseres Einflussbereichs liegen, als naturgegeben akzeptieren und die Dinge innerhalb unserer Einflussbereichs so gut wir können ausgestalten.

Worauf haben wir keinen Einfluss?

„Es besteht keine Notwendigkeit, sich aufzuregen über Dinge, die man nicht beeinflussen kann, oder sich Sorgen zu machen. Es liegt nicht an Dir, diese Dinge zu beurteilen. Lass sie in Ruhe.“

Marc Aurel zugeschrieben (eigene Übersetzung)

Worauf wir als Person Einfluss haben, ist aus Sicht des römischen Kaisers und stoischen Philosophen Marc Aurel auf uns Selbst beschränkt. Alles, was unsere Umwelt und unsere Mitmenschen anbelangt, liegt außerhalb unseres Einflussbereichs. Als moderner Mensch, der fest an die Gestaltbarkeit der Welt glaubt, muss man da erstmal schlucken.

In welcher Zeit wir leben, ob Frieden herrscht oder Krieg, in welches politische und wirtschaftliche System wir hineingeboren wurden – laut Stoa soll uns das nicht um unseren Schlaf bringen, da wir es sowieso nicht beeinflussen können.

Ob unser Aktienportfolio gerade Achterbahn fährt, ob eine Pandemie das Land beherrscht, ob es stürmt oder schneit – über äußere Dinge sollten wir uns nicht aufregen. Die Dinge sind, wie sie sind.

Was wir beeinflussen können

Doch wenn uns das, was wir in der Umwelt vorfinden, uns nicht aus dem Konzept bringen soll, müssen wir uns dann automatisch mit allem Schlechten in der Welt abfinden?

In gewisser Weise: Ja. Zumindest sollten wir anerkennen, dass der Einzelne nicht viel ausrichten kann – gemessen an der Größe des Kosmos und der Kürze unserer Lebenszeit. Niemand hat gesagt, dass Gelassenheit einfach ist.

Allerdings fällt es leichter diese Einsicht anzunehmen, wenn wir unseren Fokus darauf richten, was wir tatsächlich beeinflussen können. Das empfehlen auch die Stoiker und bei genauerer Betrachtung ist das ganz schön viel und schwierig genug.

Worauf jeder Einzelne von uns wirklich letzten Einfluss hat: die eigenen Gedanken, Worte und Taten.

„Du hast die Macht über Deinen Geist – nicht über äußere Ereignisse. Mache Dir dies bewusst – und Du wirst Stärke finden.“

Marc Aurel zugeschrieben (eigene Übersetzung)

Zwar mögen wir nicht kontrollieren, was andere Menschen denken, sagen und tun, welchen sozialen Status wir haben, wie wir aussehen und welches Schicksal uns ereilt. Aber:

Wir können lernen, unsere Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken und uns auf bestimmte Aspekte des Lebens konzentrieren. Wir können an unserer Einstellung arbeiten, unsere Weltsicht hinterfragen, Probleme durchdenken und Lösungen suchen.

Wir allein haben die Macht darüber zu entscheiden, welche Worte wir aussprechen und an welchen Stellen wir schweigen, ob wir uns um Verständnis füreinander bemühen, offen für neue Argumente sind, nachfragen, Position beziehen oder Brücken bauen.

Du hast es immer in der Hand, wie Du auf Situationen reagierst, an welchen Prinzipien Du Dein Handeln orientierst, wofür Du Dich einsetzt, wie Du Deine Tage gestaltest.

Es ist vollkommen egal, was andere für gut und richtig halten, wie sie auf uns reagieren, ob sie uns mögen oder ablehnen – da wir keinen Einfluss darauf haben, sollten wir uns auch nicht darüber ärgern, sagen die Stoiker. Worum wir uns bemühen sollten ist, unser Leben in die Hand zu nehmen und so tugendhaft wie möglich zu gestalten.

Du hast es in der Hand

Zur Rettung unserer heutigen Weltsicht möchte ich dem bis hierher Geschriebenen hinzufügen: ein bisschen Einfluss auf unsere Umwelt und darauf, wie andere Menschen auf uns reagieren, haben wir schon.

Wenn ich mein Gegenüber zur Begrüßung freundlich anlächle ist die Chance groß, dass derjenige zurücklächelt. Ich kann ein gutes Vorbild sein und andere zur Nachahmung inspirieren oder ich kann mich schlecht benehmen und andere damit abschrecken – jedesmal hat mein Verhalten Auswirkungen auf das Verhalten meiner Mitmenschen.

Der Rat der Stoiker für mehr innere Ruhe bleibt gleichwohl gültig: Akzeptieren wir die Welt, wie sie ist, und konzentrieren wir uns auf die Dinge, die wir beeinflussen können. Indem wir die Verantwortung für unsere Gedanken, Worte und Taten übernehmen, unternehmen wir den vielleicht schwierigsten, aber auch den wichtigsten Schritt zu mehr Gelassenheit.

Lesetipps

Wenn Du die Philosophen der Stoa im Original lesen möchtest (die Texte sind auch heute noch lesenswert und gut zu verstehen) empfehle ich Dir folgende Schriften:

Mehr Gedanken über stoische Gelassenheit in der Gegenwart findest Du z. B. in „Dein Hindernis ist Dein Weg: Mit der Weisheit der alten Stoiker Schwierigkeiten in Chancen verwandeln“* von Ryan Holiday. Holiday, ein zeitgenössische Vertreter einer stoischen Lebensart, gibt mit Daily Stoic auch einen inspirierenden Newsletter heraus.

*Affiliate-Link: s. dazu Ziff. 9 der Datenschutzerklärung

Meine Frage an Dich: Was hilft Dir dabei, innerlich gelassen zu bleiben? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Zum Weiterlesen empfehle ich Dir besonders folgende Artikel:

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Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Dirk Kretzschmar

    Liebe Rebecca, danke für diesen sehr guten Beitrag, den ich nur in jedem Punkt bestätigen kann. Meine Unterstützung auf diesem Weg finde ich, außer bei den Stoikern, im Buddhismus. Es ist absolut faszinierend zu sehen, wie sich die Lehren Buddhas im Hinblick auf Geistesschulung und Gelassenheit ( im Buddhismus upekha genannt) mit den Stoikern gleichen. Zeitlich liegen beide Philosophien zwar eng beieinander, aber entstammen ja völlig verschiedenen Kulturkreisen. Trotzdem kommen sie zu den gleichen Erkenntnissen. Es muss also was dran sein…..und ist es auch. Also, auch mal im Buddhismus vorbeischauen. Der hat auch sonst immens viel im Hinblick auf ein sinnvolles Leben zu bieten!
    Liebe Grüße und alles Gute für 2022!
    Dirk

    1. Rebecca

      Lieber Dirk,
      herzlichen Dank für Deinen Beitrag! Interessant, dass Du darauf hinweist. Mareen hatte in ihrem Kommentar ja auch schon auf die Parallelen von Buddhismus und Stoizismus hingewiesen. Das Geheimnis der Gelassenheit liegt aus beiden Perspektiven meinem Verständnis nach darin, sich von (stets enttäuschbaren) Erwartungen an die Außenwelt zu lösen. Die Aussagen verschiedener Philosophien und Religionen zu diesem Thema finde ich grundsätzlich spannend – und sie sind sicherlich einen eigenen Blogbeitrag wert 🙂
      Herzliche Grüße und auch Dir ein glückliches neues Jahr!
      Rebecca

  2. Aljona

    Liebe Rebecca,

    ein schöner Artikel zum Thema Gelassenheit!

    Mir helfen mittlerweile zwei Gedanken ganz besonders – aber um ehrlich zu sein leider auch nicht immer:

    1) Die drei Wünsche nach dem Gelassenheitsgebet, auch wenn ich es nicht so mit dem Gottesglauben habe:

    »Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«

    2) Der Gedanke um die Vergänglichkeit von Situationen, die mich ungelassen werden lassen:
    »Auch dies wird vorübergehen.«

    Danke für deinen interessanten Blog! Ich wünsche dir einen guten Rutsch und ein gesundes und glückliches neues Jahr.

    Liebe Grüße,
    Aljona

    1. Rebecca

      Liebe Aljona,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und diese beiden hilfreichen Gedanken, um immer an den entscheidenden Unterschied zu denken und in Situationen, die wir am besten hinnehmen wie sie sind, cool zu bleiben.
      Danke auch Dir für Deine stets inspirierenden Blogartikel und die schöne Buchstabenkunst.
      Ich wünsche Dir ebenfalls alles Gute, Gesundheit und v.a. viel Gelassenheit für das neue Jahr!
      Herzliche Grüße
      Rebecca

  3. Mathilda

    Liebe Rebecca,
    das ist ein sehr, sehr guter Artikel – sowohl vom Inhalt her, als auch in seiner Kürze, Übersichtlichkeit und Prägnanz!
    Die Erfahrungen aus meinen über 60 Lebensjahren bestätigen das, was du versuchst deinen Lesern nahezubringen. An meiner Bürotür hängt ein Schild mit der Aufschrift: Ich könnte mich den ganzen Tag aufregen – aber ich bin nicht verpflichtet dazu.
    Aber sich aufzuregen über alles Mögliche, was nah und fern passiert, ist eine gute Methode, sich selbst nicht fragen zu müssen, was man denn selbst in die Hand nehmen, verändern, verbessern könnte. Und da ist fast immer ein riesiger Handlungsspielraum.
    Aber der oft unbewusste Glaube „Ich bin ein Opfer böser Menschen, schlechter Zeiten und schlimmer Umstände!“ ist weit verbreitet, aber unwahr. Wir können alle wählen, statt Opfer Schöpfer zu sein, die in ihrem Einflussbereich Positives erschaffen – und wenn es auch nur das ist, mit einem freundlichen Gruß ein Lächeln auf ein Gesicht zu zaubern. Dann schon ist man ein Weltverbesserer!
    Danke für Deine Inspiration, genau passend für das kommende Jahr!

    1. Rebecca

      Liebe Mathilda,
      herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar! Ich freue mich sehr, dass Du Deine reichen Lebenserfahrungen hier einbringst. Schön zu lesen, wie Du persönlich Gelassenheit im Privaten und Beruflichen praktizierst und Deinen Fokus immer auf das richtest, was Du verändern kannst.
      Danke Dir für Deinen positiven Appell zum neuen Jahr. Ich wünsche Dir dafür nur das Beste!
      Herzliche Grüße
      Rebecca

  4. Mareen

    Liebe Rebecca,
    wie immer ein sehr lesenswerter Artikel von dir! Mir hat (buddhistische) Meditation sehr dabei geholfen, gelassener zu werden. Buddhismus und Stoizismus haben viel miteinander gemeinsam, sodass Interessierte da auch noch einige Anregungen finden können.
    Noch eine Anmerkung zu Selbstbetrachtungen von Aurel. Völlig zu Recht hast du dies bei den Lesetipps an erster Stelle genannt. Es gibt unglaublich viele Übersetzungen/Fassungen dieses Buch und dementsprechend viel Licht und Schatten. Wer überlegt, sich das Buch anzuschaffen/ auszuleihen, dem kann ich persönlich die (Neu-) Übersetzung von Gregory Hays empfehlen, da sie der Leserschaft der heutigen Zeut wahrscheinlich am meisten entgegenkommt.
    Einen schönen zweiten Advent wünsche ich.

    1. Rebecca

      Liebe Mareen,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und die beiden Extratipps!
      Ich denke, Meditation und Stoizismus haben den Gedanken gemeinsam, sich zuallererst auf sich selbst zu konzentrieren und das Glück nicht im Äußeren zu suchen. Eine interessante Parallele.
      Die von Dir genannte Übersetzung kenne ich noch nicht. Ein guter Hinweis an alle, die sich das Buch zu Weihnachten wünschen 😉
      Herzliche Grüße und auch Dir einen besinnlichen Advent
      Rebecca

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