Das passiert, wenn Du jeden Tag spazieren gehst (7 Lektionen)

Das passiert, wenn Du jeden Tag spazieren gehst (7 Lektionen)

Seit einem Jahr gehe ich jeden Tag spazieren. Alleine oder mit Begleitung. Bei schönem Wetter oft länger als eine Stunde. Bei Regen und Schnee ehrlicherweise auch nur für ein paar Minuten.

Mit Einführung der ersten Kontaktbeschränkungen im März 2020, blieb das Spazierengehen für mich – wie für viele – so gut wie die einzige Freizeitbeschäftigung, der ich trotz Lockdown noch nachgehen konnte.

Mit dem erwachenden Frühling startete ich 2020 also in mein Jahr der Spaziergänge. Jetzt ziehe ich Bilanz: Was habe ich gelernt, nachdem ich ein Jahr täglich spazieren gegangen bin?

Der Wandel der Natur

Jeder Spaziergang ist anders. Bei flüchtigem Hinsehen erscheint ein Weg, den man jeden Tag abläuft, zwar immer gleich. Bei genauerer Betrachtung verändert sich der Weg aber ununterbrochen. Ist man zu Fuß unterwegs, kann man den ständigen Wandel der Natur besonders gut beobachten.

Von den ersten zarten Knospen im Frühling bis zu den saftigen Früchten an den Bäumen im Spätsommer, von den bunten Farben der Herbstblätter bis zum eisigweißen Winterwunderland: Der Wechsel der Jahreszeiten bringt hierzulande große Veränderungen der Landschaft mit sich.

Auf ein ganzes Jahr gesehen, summieren sich die täglichen kleinen Entwicklungen zu einem vielfältigen Schauspiel, direkt vor der Haustür. Wer aufmerksam beobachtet, hört, riecht und entdeckt jeden Tag etwas Neues.

Lektion 1: Jeder Spaziergang ist einmalig.

Die Gedanken beruhigen

Fällt Dir zu Hause auch die Decke auf den Kopf? Egal, ob aus Langeweile, Sorge oder Stress – ein Spaziergang ist vielleicht die Lösung.

Beim Gehen schweifen meine Gedanken in weite Ferne. Ein anderes Mal drehen sie sich im immer selben Kreis. In seltenen Momenten scheinen sie fast still zu stehen.

So wie wir uns beim Spazierengehen Schritt für Schritt von unserer gewohnten Umgebung entfernen, gewinnen wir auch Distanz von unseren häufigsten (meist negativen) Gedanken.

Laufend eröffnet sich die Gelegenheit, von einem Problem, einer Frage oder einem Ereignis Abstand zu gewinnen. Wir nehmen eine neue Perspektive ein, kommen auf ungeahnte Ideen und können das Gedankenkarussel in eine andere Richtung lenken.

In jedem Fall erscheint nach einem Spaziergang alles in einem anderen Licht – und zwar nicht mehr so dunkel, wie zuvor.

Lektion 2: Nach einem Spaziergang sieht die Welt ganz anders aus.

Die Umgebung kennenlernen

Ist Dir schon einmal aufgefallen, dass Du die meiste Zeit dieselben Wege benutzt? So kommt es, dass man – selbst wenn man jahrelang an einem Ort lebt – nur einen Bruchteil der umliegenden Straßen und Gebäude kennt.

Um etwas Abwechslung in meine Spazierroutine zu bringen, habe ich im Laufe des Jahres immer wieder kleine Wegänderungen eingebaut. Mal bin ich einfach nur meine Tour in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Mal habe ich einen Umweg genommen oder noch die jeweils übernächste Straße erkundet.

Im Laufe der Zeit entdeckte ich viel Neues, z.B. Plätze, Parks, Häuser und Vorgärten, die richtig sehenswert sind. Rückblickend habe ich dadurch nicht nur meine Wohngegend besser kennen gelernt. Auch mein lokaler Orientierungssinn hat sich verbessert.

Lektion 3: Es lohnt sich, manchmal Umwege zu gehen.

Keine Ausrede zählt mehr

Früher hatte ich oft Ausreden erfunden, um nicht nach draußen gehen zu müssen: Es ist zu kalt, es ist zu warm, es regnet, es ist zu windig, zu dunkel usw.

Seitdem ich aufgrund der Pandemie so vieles nicht mehr tun kann, genieße ich die Möglichkeit des Spazierengehens umso mehr. Es ist zu einer Gewohnheit geworden, der ich inzwischen gerne nachgehe und die ich sogar vermissen würde.

Kaum hatte sich meine Wahrnehmung gegenüber dem Spazierengehen geändert, veränderte sich wie magisch auch mein Verhalten: Auf einmal fand ich jeden Tag die Gelegenheit dazu.

Ich frage mich nicht mehr, ob ich nach draußen gehe. Ich gehe einfach, weil es zu meinen täglichen Ritualen (meistens nach dem Mittagessen) gehört.

Lektion 4: Wenn Du eine neue Gewohnheit etablieren möchtest, verändere Deine Einstellung zur gewünschten Handlung.

Nebeneinander miteinander

Bei den Spaziergängen mit Freunden ist mir aufgefallen: Persönliche Themen lassen sich leichter nebeneinander gehend besprechen als sich gegenüber sitzend oder stehend.

Ich vermute, die Kombination aus leichter, gleichmäßiger Bewegung und unterschwelliger Umweltwahrnehmung versetzt uns in einen Zustand, in dem wir besonders gut über soziale Beziehungen und unsere Emotionen sprechen können.

Vielleicht lag es aber auch an der besonderen Situation während einer Pandemie und den insgesamt reduzierten Kontakten. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass die Unterhaltungen nie oberflächlich blieben und auch schwierige Fragen offen besprochen werden konnten.

Lektion 5: Einige Themen besprechen sich am besten im Gehen.

Die optimale Kleidung

Was mir wahrscheinlich am meisten hilft, jeden Tag spazieren zu gehen: Die passende Kleidung. Die beste Kleidung erfüllt für mich 3 Kriterien – sie ist bequem, wasserdicht und pflegeleicht.

Egal ob Schuhe, Hose oder Oberteil: Idealerweise sitzt alles gut und nichts scheuert. Bei feuchtem Wetter empfehle ich Dir unbedingt ein Paar Gummistiefel, mit denen Du fröhlich durch alle Pfützen platschen und unbekümmert über Matschwege marschieren kannst.

Lektion 6: Für jedes Wetter gibt es die passende Kleidung.

Die Sache mit dem Handy…

Abschließend noch zur modernen Gretchenfrage: Spazieren mit oder ohne Handy? Da bin ich tatsächlich hin- und hergerissen.

Einerseits versuche ich, so oft wie möglich ohne Handy loszugehen, da ich schon genug Zeit vor Bildschirmen verbringe und nicht durch Nachrichten unterbrochen werden möchte.

Andererseits liebe ich es auch, unterwegs Fotos zu machen, z.B. von einer schönen Blume, einer ungewöhnlichen Entdeckung oder einer beeindruckenden Landschaft. Gerade dann, wenn ich alleine unterwegs bin und etwas Besonderes sehe, möchte ich es festhalten und später mit anderen teilen.

Wahrscheinlich gibt es in diesem Fall keine allgemeingültige Antwort. Allerdings: Seitdem ich nicht mehr regelmäßig Fotos in einem bestimmten sozialen Netzwerk hochlade, verspüre ich viel seltener das Bedürfnis, meine Ausflüge aufzunehmen.

Falls Du Dir einen Spaziergang ohne Smartphone nicht mehr vorstellen kannst, rate ich Dir, Dich mit Digitalem Minimalismus zu beschäftigen. Ich habe hier und hier darüber geschrieben.

Lektion 7: Manchmal müssen Regeln gebrochen werden.

Ob nun mit oder ohne Technik – ich hoffe, ich konnte Dir ein wenig Lust auf eine eigene Entdeckungstour machen. Wo immer Du entlang läufst, ich wünsche Dir ganz viel Freude!

Zum Weiterlesen empfehle ich Dir auch meinen Erfahrungsbericht von einer Wanderung auf dem Hermannsweg.

Meine Frage an Dich: Gehst Du regelmäßig spazieren und was fällt Dir dabei auf?

Interessierst Du Dich für noch mehr gute Gewohnheiten? Dann habe ich etwas für Dich:

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Dieser Beitrag hat 9 Kommentare

  1. Anton

    Hallo Rebecca, toller Artikel!
    Einen weiteren positiven Aspekt beim Spazieren gehen möchte ich nicht unerwähnt lassen – es ist tatsächlich eine Sportart, bei der man richtig gut eigene Kondition auf- und Kalorien abbauen kann. Letztes Jahr habe ich mir das Ziel mit 10.000 pro Tag gestellt und es leider knappt verfehlt – aber dennoch war die Bilanz mehr als positiv – zumal zwischen den einzelnen Bezirken unserer Stadt teilweise enorme Unterscheide an Höhenmetern das Spazieren / Wandern aus sportlicher Sicht noch effektiver machen. Ansonsten finde ich es auch toll, die eigene Stadt und Umland noch besser kennenzulernen und vor allem die ganzen verstecken Pfade zu entdecken – als Onlineunterstützung ziehe ich mir da gerne Google Maps oder Apple Maps zu rate.
    Wenn du auch gerne Fahrradtouren machst, würde ich mich als begeisterter MTB-Fahrradfahrer mit Bioantrieb sehr über einen Beitrag freuen:-)

    Viele Grüße
    Anton

    1. Rebecca

      Lieber Anton,
      Du hast recht: Den sportlichen Aspekt des Spazierengehens hatte ich in meinem Artikel ganz ausgeblendet 😉 Dabei ist Gehen die vielleicht minimalistischste aller Sportarten! Keine Ausrüstung, Technik, Sicherheitsunterweisung oder sonstige Ausrüstung ist notwendig und man kann es überall ausführen, egal wo man sich gerade befindet.
      Ich habe auch schon erlebt, dass die eigenen Schritte zu zählen, motivieren kann, mehr zu gehen. Und wenn ich mich gerade mal wieder verlaufen habe, bin ich heilfroh, mein Handy doch eingepackt zu haben 😉
      Fahrrad fahre ich übrigens auch sehr gerne – schließlich wohne ich in der Fahrradhauptstadt Deutschlands. Allerdings sind im Münsterland die Wege ziemlich flach. Deine Touren mit dem Mountainbike klingen dagegen schon abenteuerlicher. Dennoch werde ich über Deinen Artikelvorschlag nachdenken.
      Herzliche Grüße
      Rebecca

  2. Peter

    Hi Rebecca,

    das spazierengehen habe ich mittlerweile auch für mich entdeckt. Alerdings nicht täglich, sondern wöchentlich. Ich mache das dann mit einem meiner besten Freunde und dann reflekieren wir über die Themen der Woche. Dadurch dass es nicht jeden Tag ist, sondern nur einmal die Woche sammeln sich auch etwas mehr Themen an – so gibt es dann immer etwas Neues über was man reden kann.
    Ich habe das Glück in einer der grünsten Metropolen im Pott zu wohnen mit 64% Grünflächen (das ist die offizielle Zahl) – es ist also nicht schwer von meiner Haustür aus “ins Grüne” zu kommen. Tatsächlich ist das nächste ausgewiesene Naturschutzgebiet nur knapp 1000 Meter entfernt. Doch die Grünflächen und Schrebergärten sind schon nach 500 Metern zu erreichen. Das sind nicht mal 5 Minuten zu Fuss..
    Im Sommer ist es im Wald natürlich angenehmer. Ich hasse hohe Temperaturen. Im Wald – der als natürliche Klimaanlage wirkt – ist es dann merklich kühler.
    Doch auch die städtischen und bebauten Gebiete nach Jahren mal wieder zu erforschen (mein Freund – zwar in Dortmund aufgewachsen, aber seit seiner Heirat vor etlichen Jahren in einer anderen Stadt wohnend) ist interessant. Wenn man sieht, wie sich Städte im Laufe der Jahrzente verändert haben – nicht immer zum Vorteil – das ist schon interessant. Wo sind zum Beispiel die guten alten Eckkneipen hin?
    Absichtlich gehen wir dann in Hombruch (ein angrenzender Ortsteil) nicht die bekannte Einkaufsstraße entlang, sondern “wildern” uns durch die Parallel – und Nebenstraßen. Die sind von der Entwicklung her interessanten. Was ist zum Beispiel mit den 3 Kinos passiert, die es mal in Hombruch gab und in die wir als Kind häufig gegangen sind.
    Die Themen gehen uns jedenfalls nie aus, da ist dann auch ein zweistündiger Spaziergang schnell vergangen..
    CU
    Peter

    1. Rebecca

      Lieber Peter,
      herzlichen Dank für Deinen Kommentar und dafür, dass Du uns an Deiner Spazier-Routine teilhaben lässt!
      Das Ruhrgebiet ist tatsächlich grüner als sein Ruf 😉 Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass ich lieber nach draußen gehe, wenn ich recht schnell im Grünen bin. Wenn ich meine Eltern (in einem kleinen Weinort in Franken) besuche, genieße ich es immer, flux in den Weinbergen, Wäldern und auf den Feldwegen zu sein. Dort ist es einfach ruhiger, man ist die meiste Zeit für sich und wenn man Glück hat, sieht man auch ein Reh oder einen Feldhasen. Natürlich haben auch die städtischen Regionen ihren Reiz, wie Du schreibst. Ich beobachte auch gerne die Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit zeigen, und schwelge in Erinnerungen. Wenn man dabei einen Freund an seiner Seite hat – umso besser!
      Herzliche Grüße
      Rebecca

  3. Christof

    Schöner Artikel, liebe Rebecca.

    Wie Du weißt, spaziere ich auch sehr gerne. Ich nenne es gerne spaßieren. 10.000 Schritte sind es mindstens, die ich am Tag gehe. Gestern waren es 35.000 (das nenne ich dann wandern), heute 14.000 und morgen …

    Gäbe es das Spazieren nicht, müsste man es erfinden.

    Liebe Grüße

    Christof

    1. Rebecca

      Lieber Christof,
      Danke für diese Wortneuschöpfung 😉 So kann man es auch nennen.
      Ich mag ja auch die Begriffe “lustwandeln”, “umherstreifen”, “schweifen”, “bummeln”, “flanieren” oder “schlendern”!
      Liebe Grüße
      Rebecca

  4. Annabel

    Hallo Rebecca,

    ich musste gerade schmunzeln, weil es mir ganz ähnlich geht. Seit März 2020 habe ich das Spazieren ebenfalls zu einer Gewohnheit gemacht. Wir haben bei uns einen wunderschönen Wald, den wir seit dem Lockdown erst mal so richtig kennengelernt haben. Mir zuvor unbekannte Vögel, Pflanzen und Insekten kenne ich nun mit Namen. Jeder Winkel und Weg ist uns bekannt. Außerdem haben wir die Scheu verloren, auch mal im dunklen Wald unterwegs zu sein. Das wäre früher undenkbar gewesen – grusel. 😉 Abgesehen davon, beruhigt es, wie du schon schreibst, die Gedanken, macht den Kopf frei und führt zu neuen Erkenntnissen. Jetzt freue ich mich auf jeden Fall schon aufs Frühlingserwachen, wenn die Bäume jeden Tag ein bisschen grüner werden und blumige Düfte die Nase verwöhnen.

    Fühl dich lieb gegrüßt

    Annabel

    1. Rebecca

      Liebe Annabel,
      es freut mich, dass es Dir auch so geht wie mir. Ich gehe auch am liebsten durch den Wald spazieren. Das kleine Waldstück in meiner Nähe suche ich immer wieder auf. Mittlerweile achte ich auch ich mehr auf die verschiedenen Vogel-, Pflanzen- und Baumarten, die ich auf dem Weg treffe.
      Nachts durch den Wald zu gehen finde ich zu gruselig und würde ich mich alleine gar nicht trauen 😉 Allerdings finde ich es auch wieder faszinierend, bei Dunkelheit durch die Straßen zu gehen, alles in einem anderen Licht beleuchtet wahrzunehmen und vielleicht sogar die Sterne zu sehen!
      Herzliche Grüße
      Rebecca

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