Wandern auf dem Hermannsweg: was ich gelernt habe

  • Beitrags-Kategorie:Beiträge / Auszeit
Wandern auf dem Hermannsweg: was ich gelernt habe

Wandern könnte der Sport für Minimalisten sein. Vor kurzem war ich acht Tage im Teutoburger Wald unterwegs. Über 150 Kilometer führte mich der Hermannsweg durch das Grenzgebiet zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Mit dabei: ein minimalistisch gepackter Rucksack und jede Menge Lust auf Natur, Abwechslung und Abenteuer.

Dank der guten Beschilderung des Weges musste ich selten auf meiner Wanderkarte oder Routenapp nach dem richtigen Weg suchen. Während ich so die frische Luft des herbstlichen Waldes atmete, stieß ich auf die ein oder anderen Zeichen am Wegesrand.

Gepäck

Beim Vorbereiten meines Wandertrips hatte ich den Vorsatz aller Minimalisten gefasst: „Ich nehme nur das Nötigste mit“. Da mich an den Etappenzielen jeweils Unterkunft, Supermarkt und Frühstück erwarteten, konnte ich auch auf viel Survival-Equipment verzichten.

Die Dinge in meinem Rucksack, die sich während des Wanderns als essentiell herausstellten, waren tatsächlich überschaubar: Wasser, etwas Aufbauendes (z.B. ein Müsliriegel), meine Wanderkarte und mein Handy, ein Set Kleidung zum Wechseln, ein paar Kosmetikartikel und Pflaster.

Obwohl ich recht knapp gepackt hatte, gab es noch Sachen, die ich gar nicht gebraucht hätte (u.a. zusätzliche Wandersocken und T-Shirts, Schuhpflege, Kopfhörer, Stadtpläne und Magnesiumtabletten). Dafür gab es Dinge, die ich vermisst habe, z.B. meine Gesichtscreme, eine Haarklammer oder Schuhe zum Wechseln. Aber selbst für die Sachen, die mir fehlten, habe ich Ersatz gefunden. Oder ich bin ohne sie zurecht gekommen.

Lektion 1: Leichtes Gepäck macht sich bei jedem Auf- und Abstieg bezahlt.

Körper

Wenn man jeden Tag eine lange Wegstrecke läuft (bei mir waren es rund 20 Kilometer), muss man auf seinen Körper achten. Alles, was er braucht, um gut durchzuhalten, hat Vorrang. Für mich bedeutete das, genug zu trinken und zu essen, oft Pausen zu machen und ausreichend zu schlafen. Der Rest war Topping.

Anfangs dachte ich oft, ich könnte noch ein paar weitere Kilometer durchhalten und ohne Rast weiterlaufen – auch wenn ich spürte, dass ich gerade eine Pause bräuchte. Überhörte ich zu lange die Signale meines Körpers, hatte das Konsequenzen – die Kräfte versagten, die Laune sank und die Füße schmerzten.

Lektion 2: Geist und Körper bilden ein Team.

Perfektion

Ich gestehe: am Tag nach der längsten Etappe habe ich ausgesetzt. Statt zu Wandern bin ich mit dem Bus bis zum nächsten Zwischenziel gefahren.

In der Nacht zuvor hatte ich lange mit mir gerungen. Die Kilometer des Tages noch in den Knochen, die Füße voller Druckstellen, die Motivation am Ende. Trotzdem das Zögern: Kann ich behaupten, ich wäre den Hermannsweg gegangen, wenn ich nicht den ganzen Weg zu Fuß zurücklege?

Im Laufe des neuen Tages löste sich mein schlechtes Gewissen auf – wie der morgendliche Nebel im Teutoburger Wald. Ich genoss ein spätes Frühstück, einen Touristen-Tag im Kurstädtchen Bad Rothenfelde und ein Bad in der dortigen Thermenlandschaft. Meine angespannten Muskeln erholten sich und das Salzwasser ließ meine wunden Füße blitzschnell heilen. Am nächsten Tag brach ich ausgeruht und gestärkt zur nächsten Etappe auf.

Lektion 3: Es muss nicht immer nach Plan laufen.

Natur

Liebst Du auch das Geräusch, über Waldboden zu gehen? Der herbe Duft von Erde und Harz, der Schein der Sonne durch die Blätter – Waldbaden tut einfach gut. Zumal dann, wenn man für gewöhnlich viel Zeit am Computer oder in Besprechungen sitzend verbringt.

Die bizarren Formen der Pilze, der unheimliche Nebel am Morgen, die weite Sicht ins Land von einer Lichtung. Nach acht Tagen abwechslungsreichen Wanderns fühlte ich mich geistig und körperlich erholt – mehr als nach einem Urlaub, der von Sightseeing und langen Zeiten in Transportmitteln geprägt ist.

Die Zeit im Wald hat mich auch an meinen Beitrag zur Natur erinnert. Eigenen Müll in die dafür vorgesehenen Behälter werfen oder mit in die nächste Ortschaft nehmen? Klar. Die Trockenheit, unter der viele Nadelbäume leiden, und die großen Gebiete, die deshalb abgeholzt werden, sind Probleme, die mir zuvor nicht bewusst waren, und die einen längeren Atem benötigen.

Lektion 4: Was wir für die Natur tun, tun wir auch für uns.

Begegnungen

Zufälle gibt‘s! Das ältere Paar, das ich genau in dem Moment treffe, in dem ich vom Weg abzukommen drohe. Sie zeigen mir freundlich die richtige Richtung. Das 16-jährige Mädchen mit dem kleinen Pudel, mit dem ich spontan einen heißen Kakao trinke und so viel gemeinsam zu haben scheine. Am Hermannsdenkmal, dem Endpunkt unserer Reise, kommen wir später unabhängig voneinander fast gleichzeitig an und können unsere Wanderung gemeinsam abschließen.

Wenn man lange für sich läuft, nimmt man die Begegnungen mit anderen Menschen intensiv wahr: den Plausch mit den beiden Freundinnen, die man schon in den vergangenen Tagen immer wieder aus der Distanz gesehen hat; das Wiedersehen mit dem ehemaligen Kollegen, der in der Nähe einer meiner Unterkünfte wohnt; das gemeinsame Abendessen mit dem Mitwanderer, den ich erst am sechsten Wandertag kennen lerne. Natürlich drehte sich die Unterhaltung um Füße…

Nie hatte ich das Gefühl, alleine unterwegs zu sein. Familie und Freunde waren in meinen Gedanken bei mir. Überall fand ich die Spuren der Hilfsbereitschaft von Menschen, die ich nie persönlich getroffen habe: Schilder und Pfeile, die mir den Weg weisen, Bänke und Hütten, die mir eine Pause anbieten, Informationstafeln, sogar mit Gedichten, die jemand für mich ausgesucht hat.

Lektion 5: Ich bin dankbar für alle meine Wegbegleiter.

Mut

Wie immer vor einer Reise, war ich auch diesmal nervös. Nahm ich mir zu viel vor? Würde ich überhaupt so weit laufen können? Warum buchte ich nicht einfach Urlaub auf einem Ponyhof?

Die Lektionen, die ich dann auf dem Weg gelernt habe – über meinen Körper, meinen Orientierungssinn, mein Gefühl für Distanzen, die Bedeutung von Umwegen für die Ortskenntnis und meinen persönlichen Rhythmus – haben mir wieder einmal gezeigt, dass gewinnt, wer wagt.

Jede Anstrengung hat sich gelohnt – auf diese oder jene Weise. Manchmal kommt man nur zentimeterweise voran, manchmal läuft alles wie von selbst. Hatte ich mich verirrt, kam ich irgendwann auch wieder auf Kurs. Ging es bergauf, ging es ganz sicher auch wieder bergab.

Am Ende des Weges anzukommen und zu wissen, dass man (fast) die ganze Strecke gelaufen ist, war ein besonderes Gefühl. Ich fühlte mich stärker als je zuvor. Und es war nicht das Ende.

Lektion 6: Hinter den Grenzen, gibt es noch viel zu entdecken.

Teile diesen Beitrag

Schreiben Sie einen Kommentar