Wandern auf dem Hermannsweg: 6 Lektionen, die ich dabei gelernt habe (mit Bildergalerie)

  • Beitrags-Kategorie:Beiträge / Auszeit
You are currently viewing Wandern auf dem Hermannsweg: 6 Lektionen, die ich dabei gelernt habe (mit Bildergalerie)

Wandern könnte der Sport für Minimalisten sein. Vor kurzem war ich acht Tage im Teutoburger Wald unterwegs. Über 150 Kilometer führte mich der Hermannsweg durch das Grenzgebiet zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Mit dabei: ein minimalistisch gepackter Rucksack und jede Menge Lust auf Natur, Abwechslung und Abenteuer.

Dank der guten Beschilderung des Weges musste ich selten auf meiner Wanderkarte oder Routenapp nach dem richtigen Weg suchen. Während ich so die frische Luft des herbstlichen Waldes atmete, stieß ich auf die ein oder anderen Zeichen am Wegesrand.

1. Gepäck

Beim Vorbereiten meines Wandertrips auf dem Hermannsweg hatte ich den Vorsatz aller Minimalisten gefasst: „Ich nehme nur das Nötigste mit“. Da mich an den Etappenzielen jeweils Unterkunft, Supermarkt und Frühstück erwarteten, konnte ich auch auf viel Survival-Equipment verzichten.

Die Dinge in meinem Rucksack, die sich während des Wanderns als essentiell herausstellten, waren tatsächlich überschaubar: Wasser, etwas Aufbauendes (z.B. ein Müsliriegel), meine Wanderkarte und mein Handy, ein Set Kleidung zum Wechseln, ein paar Kosmetikartikel und Pflaster.

Obwohl ich recht knapp gepackt hatte, gab es noch Sachen, die ich gar nicht gebraucht hätte (u.a. zusätzliche Wandersocken und T-Shirts, Schuhpflege, Kopfhörer, Stadtpläne und Magnesiumtabletten). Dafür gab es Dinge, die ich vermisst habe, z.B. meine Gesichtscreme, eine Haarklammer oder Schuhe zum Wechseln. Aber selbst für die Sachen, die mir fehlten, habe ich Ersatz gefunden. Oder ich bin ohne sie zurecht gekommen.

Lektion 1: Leichtes Gepäck macht sich bei jedem Auf- und Abstieg bezahlt.

Übrigens: Falls Du einen guten Rucksack für mehrtägige Wanderungen suchst, kann ich Dir diesen hier von Deuter* empfehlen.

2. Körper

Wenn man jeden Tag eine lange Wegstrecke läuft (bei mir waren es rund 20 Kilometer), muss man auf seinen Körper achten. Alles, was er braucht, um gut durchzuhalten, hat Vorrang. Für mich bedeutete das, genug zu trinken und zu essen, oft Pausen zu machen und ausreichend zu schlafen. Der Rest war Topping.

Anfangs dachte ich oft, ich könnte noch ein paar weitere Kilometer durchhalten und ohne Rast weiterlaufen – auch wenn ich spürte, dass ich gerade eine Pause bräuchte. Überhörte ich zu lange die Signale meines Körpers, hatte das Konsequenzen – die Kräfte versagten, die Laune sank und die Füße schmerzten.

Lektion 2: Geist und Körper bilden ein Team.

3. Perfektion

Ich gestehe: am Tag nach der längsten Etappe auf dem Hermannsweg habe ich ausgesetzt. Statt zu Wandern bin ich mit dem Bus bis zum nächsten Zwischenziel gefahren.

In der Nacht zuvor hatte ich lange mit mir gerungen. Die Kilometer des Tages noch in den Knochen, die Füße voller Druckstellen, die Motivation am Ende. Trotzdem das Zögern: Kann ich behaupten, ich wäre den Hermannsweg gegangen, wenn ich nicht den ganzen Weg zu Fuß zurücklege?

Im Laufe des neuen Tages löste sich mein schlechtes Gewissen auf – wie der morgendliche Nebel im Teutoburger Wald. Ich genoss ein spätes Frühstück, einen Touristen-Tag im Kurstädtchen Bad Rothenfelde und ein Bad in der dortigen Thermenlandschaft. Meine angespannten Muskeln erholten sich und das Salzwasser ließ meine wunden Füße blitzschnell heilen. Am nächsten Tag brach ich ausgeruht und gestärkt zur nächsten Etappe auf.

Lektion 3: Es muss nicht immer nach Plan laufen.

4. Natur

Liebst Du auch das Geräusch, über Waldboden zu gehen? Der herbe Duft von Erde und Harz, der Schein der Sonne durch die Blätter – Waldbaden tut einfach gut. Zumal dann, wenn man für gewöhnlich viel Zeit am Computer oder in Besprechungen sitzend verbringt.

Die bizarren Formen der Pilze, der unheimliche Nebel am Morgen, die weite Sicht ins Land von einer Lichtung. Nach acht Tagen abwechslungsreichen Wanderns auf dem Hermannsweg fühlte ich mich geistig und körperlich erholt – mehr als nach einem Urlaub, der von Sightseeing und langen Zeiten in Transportmitteln geprägt ist.

Die Zeit im Teutoburger Wald hat mich auch an meinen Beitrag zur Natur erinnert. Eigenen Müll in die dafür vorgesehenen Behälter werfen oder mit in die nächste Ortschaft nehmen? Klar. Die Trockenheit, unter der viele Nadelbäume leiden, und die großen Gebiete, die deshalb abgeholzt werden, sind Probleme, die mir zuvor nicht bewusst waren, und die einen längeren Atem benötigen.

Lektion 4: Was wir für die Natur tun, tun wir auch für uns.

5. Begegnungen

Zufälle gibt‘s! Das ältere Paar, das ich genau in dem Moment treffe, in dem ich vom Weg abzukommen drohe. Sie zeigen mir freundlich die richtige Richtung. Das 16-jährige Mädchen mit dem kleinen Pudel, mit dem ich spontan einen heißen Kakao trinke und so viel gemeinsam zu haben scheine. Am Hermannsdenkmal, dem Endpunkt unserer Reise, kommen wir später unabhängig voneinander fast gleichzeitig an und können unsere Wanderung gemeinsam abschließen.

Wenn man lange für sich läuft, nimmt man die Begegnungen mit anderen Menschen intensiv wahr: den Plausch mit den beiden Freundinnen, die man schon in den vergangenen Tagen immer wieder aus der Distanz gesehen hat; das Wiedersehen mit dem ehemaligen Kollegen, der in der Nähe einer meiner Unterkünfte wohnt; das gemeinsame Abendessen mit dem Mitwanderer, den ich erst am sechsten Wandertag kennen lerne. Natürlich drehte sich die Unterhaltung um Füße…

Nie hatte ich das Gefühl, auf dem Hermannsweg alleine unterwegs zu sein. Familie und Freunde waren in meinen Gedanken bei mir. Überall fand ich die Spuren der Hilfsbereitschaft von Menschen, die ich nie persönlich getroffen habe: Schilder und Pfeile, die mir den Weg weisen, Bänke und Hütten, die mir eine Pause anbieten, Informationstafeln, sogar mit Gedichten, die jemand für mich ausgesucht hat.

Lektion 5: Ich bin dankbar für alle meine Wegbegleiter.

6. Mut

Wie immer vor einer Reise, war ich auch diesmal nervös. Nahm ich mir zu viel vor? Würde ich überhaupt so weit laufen können? Warum buchte ich nicht einfach Urlaub auf einem Ponyhof?

Die Lektionen, die ich dann auf dem Hermannsweg gelernt habe – über meinen Körper, meinen Orientierungssinn, mein Gefühl für Distanzen, die Bedeutung von Umwegen für die Ortskenntnis und meinen persönlichen Rhythmus – haben mir wieder einmal gezeigt, dass gewinnt, wer wagt.

Jede Anstrengung hat sich gelohnt – auf diese oder jene Weise. Manchmal kommt man nur zentimeterweise voran, manchmal läuft alles wie von selbst. Hatte ich mich verirrt, kam ich irgendwann auch wieder auf Kurs. Ging es bergauf, ging es ganz sicher auch wieder bergab.

Am Ende des Weges anzukommen und zu wissen, dass man (fast) die ganze Strecke gelaufen ist, war ein besonderes Gefühl. Am Ziel der Hermannswegs fühlte mich stärker als je zuvor. Und es war nicht das Ende.

Lektion 6: Hinter den Grenzen, gibt es noch viel zu entdecken.

Impressionen vom Hermannsweg

*Affiliate-Link: s. dazu Ziff. 9 der Datenschutzerklärung

Meine Frage an Dich: Was hast Du schon beim Wandern gelernt? 

Zum Weiterlesen empfehle ich Dir folgende Artikel:

Möchtest Du mehr über Minimalismus, gute Gewohnheiten und Auszeiten vom Alltag lesen? Dann melde Dich für meinen Newsletter Einfach bessere Nachrichten an:

Teile diesen Beitrag

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Thomas

    Hallo Rebecca,
    Deine kurze Beschreibung des “hermännischen” Jakobswegs hat mich angesprochen. Solche Wege finde ich, habe vielerlei Bedeutung. Sie stehen oft stellvertretend für Wege in unserem Leben. Durchhalten. Sich nicht zu viele Gedanken machen. Gerade jetzt, in der C-Zeit, in der viel passiert, ist die Suche nach dem Wesentlichen für uns unabdingbar.
    Was packe ich in meinen Rucksack, was bürde ich mir auf? Womit belaste ich mich und was macht mir den Weg leichter? Was führt mich zum Ziel? Was macht mich glücklich? Mir ist es auf verschiedenen Jakobswegen (“den” Jakobsweg bin ich nie gelaufen) so ergangen, dass ich mit der Zeit manchen Gedanken aus dem Kopf verabschiedet habe, mich gefragt habe was und manches Gepäckstück bereut habe, mitgenommen zu haben.
    Ich freue mich auf weitere Berichte jeglicher Art.
    Viele Grüße
    Thomas

    1. Rebecca

      Lieber Thomas,
      herzlichen Dank für Deinen wertvollen Kommentar. Ja, so ein Wander-/Pilgerweg ist nicht nur eine Verbindung zwischen verschiedenen Orten, sondern auch eine Einladung, sich über grundlegende Fragen Gedanken zu machen – oder eben auch das Gedankenkarussel einfach Mal anzuhalten. Auf jeden Fall läuft es sich stets leichter ohne überflüssiges Gepäck.
      Viele liebe Grüße
      Rebecca

  2. Rosa

    Liebe Rebecca
    Treffender hätte ich es nicht beschreiben können! Wirklich nicht, soo schön! All diese Dinge und Lektionen zu lernen und zu erleben ist eine so kostbare Erfahrung.
    So, wie du es beschrieben hast, glaube auch ich, dass das schönste am Leben jenseits unserer Komfortzone beginnt. In so vielen Momenten beherrscht uns die Angst vor Dingen, die uns abhält zu tun, was wir vielleicht eigentlich gerne wollen. Dabei ist das Schlimme aber tatsächlich nicht die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines schlimmen Ereignisses, sondern diese Kraft (dieses starke Gefühl), die uns aufhält. Oft verbirgt sich das Kostbarste hinter der Angst und um diese überwinden zu können, brauchen wir unsere innere Stärke, den Mut. Trotz allem sollten wir aber niemals vergessen auf unseren Körper zu hören, genau wie du sagst, denn er versucht mit uns zu ,,kommunizieren”, um uns zu helfen und zu schützen.
    So sind in jedem Falle die Natur und wir selbst unsere größten Lehrer! Solange wir es zulassen. Und ich bin unglaublich dankbar, dass ich schon so viel von ihnen lernen durfte.
    Dir Rebecca, möchte ich danken, dass ich Dich wundervollen Menschen kennenlernen durfte! Diese Begegnung hat mir sehr viel gegeben, Kraft und Stärke und Glück, wirklich schön. Ich bewundere dich für deinen Weg und hoffe du gehst diesen weiter, und zwar als genau die starke Person, die du bist!
    Und deshalb möchte ich mich dir auch hierbei anschließen… das faszinierende daran, alleine zu wandern, ist doch, dass man es aber niemals ist. Besonders all diese offenen und herzlichen Menschen und ihre ganz eigenen Geschichten haben sich einen festen Platz in meinen Erinnerungen und meinem Herzen gesichert, egal wie kurz oder lang die Begegnungen auch waren. Aber auch von der umwerfenden Natur – ich werde wohl niemals aufhören über ihre Kraft, Ausgeglichenheit und Schönheit zu staunen – und mir selbst war ich immerzu umgeben. Auch wenn man Angst haben mag vor der Lautstärke der eigenen Gedanken, lohnt es sich mutig zu sein! denn das ist Bedingung für ,,Selbstfrieden”.
    Ich glaube all das klingt super philosophisch und der Kommentar ist jetzt auch schon unfassbar lang, aber ich bin mir sicher, jeder der deine Lektionen kennengelernt hat, ist genauso beeindruckt! Davon wie so wenig, einem so viel zurück geben kann.
    Falls das noch nicht rüber gekommen sein sollte ;-), ich bin durchweg begeistert von diesem so wahren und schönen Artikel, er ist wirklich toll geworden.
    Ich freue mich noch viel mehr von Dir zu lesen !
    Alles Liebe Deine Rosa (+Monti)
    PS. der Hermannsweg ist wirklich zu empfehlen !!!
    PPS. danke für deine schönen Worte

    1. Rebecca

      Liebe Rosa,
      Dein wunderbarer Kommentar rührt mich sehr. Ich weiß, dass er direkt aus Deinem Herzen kommt. Die Begegnung mit Dir und Monti auf dem Hermannsweg gehört zu den wertvollsten Momenten meiner Reise, die vielleicht in dieser intensiven Form nur unter den besonderen Bedingungen einer langen Wanderung möglich sind.
      Deine Worte stehen hier stark für sich und dem möchte ich gar nicht viel hinzufügen. Nur soviel: Ich bewundere, wie selbstbewusst, mutig und stark Du schon durchs Leben gehst und bin zutiefst dankbar, dass ich Dich kennenlernen durfte.
      Von Herzen alles Liebe für Dich
      Rebecca

Schreiben Sie einen Kommentar