Was wirklich bleibt

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Die Wohnung eines Nachbarn wird gerade ausgeräumt. Über einen am Balkon angelegten Hubwagen schaffen ein halbes Dutzend Helfer alles aus der offenbar verlassenen Wohnung heraus. Ladung um Ladung. Seit mehreren Tagen.

Ich kann zuschauen, wie erst die großen Möbel, dann die kleinen und schließlich alle übrigen Einrichtungsgegenstände – Lampen, Kissen, Blumentöpfe – die Wohnung verlassen.

Vor unserem Haus an der Straße steht ein mehrere Meter langer Container, in dessen Inneres ich von meiner Wohnung aus direkt hineinblicken kann: Wild zusammengeworfen und quer übereinander liegen darin Möbelteile, Bretter, Schubladen, Stühle, Regale und Schränke in verschiedenen Braunschattierungen, die auf ihre Abholung durch das Entsorgungsunternehmen warten.

Ich weiß nichts über den Verbleib meines Nachbarn, ob er gestorben ist, in ein Pflegeheim gezogen oder von heute auf morgen das Land verlassen hat. Den älteren Herrn, der meines Wissens alleine gelebt hat, habe ich nur selten auf seinem Balkon gesehen. Jetzt beobachte ich staunend, wie aufwändig es ist, seine Wohnung zu leeren – sowohl an Personal als auch an Zeit.

Ungemütliche Fragen

In unserer Umgebung ziehen häufiger Leute ein und aus. Umzugstransporter gehören zum Alltag. Ein professionelles Entrümpelungsteam, das mit Hebemaschineneinsatz arbeitet, ist hingegen ungewöhnlich.

Am Ende landete die Einrichtung einer ganzen Wohnung im Müllcontainer. Der Anblick hat mich nicht mehr losgelassen. Unweigerlich drängten sich ein paar ungemütliche Fragen auf:

Was der ehemalige Nachbar wohl denken würde, wenn er sehen könnte, was mit seinem ganzen Hab und Gut passiert?

Ob es ihm früher schwergefallen ist, sich von Dingen zu trennen?

Was bleibt eigentlich, wenn wir auf einmal weg sind?

Der Unterschied zwischen Wert und Bedeutung

Egal, ob wir sie nicht mehr brauchen oder keinen Platz mehr für sie haben – unsere Einrichtung ist ein wichtiger Teil von uns und wir trennen uns oft nur wider Willen von ihr.

Den Möbeln und Dekoobjekten, die wir selbst ausgesucht haben, schreiben wir zu, unseren individuellen Stil zu verkörpern, unser Inneres außen sichtbar zu machen. Ob die Couch eckig oder rund ist, der Vorhang hell oder dunkel, die Bilder kitschig oder kunstvoll, ist natürlich nicht zuletzt Ausdruck unserer Persönlichkeit.

Wir investieren viel Zeit und Energie, die passende Inneneinrichtung für uns zu finden, sie neuen Trends anzupassen und immer weiter zu perfektionieren. Um für uns und unsere Gäste ein gemütliches (und Eindruck schindendes) Zuhause zu schaffen. Nicht zuletzt geben wir viel Geld dafür aus.

Ein Phänomen in diesem Zusammenhang, das mich immer wieder in Staunen versetzt: Es gibt immer mehr Menschen, die bezahlen jeden Monat Geld dafür, ungenutzte Möbel und Hausrat in einem Container zu lagern. Zum Teil über Jahre und Jahrzehnte.

Umso erschreckender ist doch die Erkenntnis:

Die Dinge, die uns lieb und teuer sind, werfen andere ohne Zögern auf den Sperrmüll.

Worüber wir uns unzählige Gedanken gemacht, worauf wir uns gefreut und gespart, was wir gehegt und gepflegt haben, womit wir aufgewachsen sind und gelebt haben, ist ohne uns am Ende auch nur ein Gegenstand. Ob Massenregal aus dem Baumarkt oder rare Antiquität – die Bedeutung haben wir den Dingen verliehen.

Fremde Menschen bewerten unsere Schätze dagegen ganz anders – nüchtern kalkulierend, ohne persönliche Bindung.

Wenn Gegenstände zu Geschichten werden

Dass der gefühlte Wert von Möbeln den finanziellen schnell übersteigen kann, macht der IKEA-Effekt deutlich: Durch das eigenhändige (Zusammen)Bauen selbst eines günstigen Möbelstücks schießt der emotionale Wert in die Höhe. Entsprechend schätzen wir den Geldwert unserer selbstgebauten Möbel deutlich höher ein als außenstehende Personen.

Die psychologische Erklärung dieses Denkfehlers: In der Zeit, in der wir die Aufbauanleitung studiert, Schrauben eingedreht und Nägel eingeschlagen haben, haben wir eine Beziehung zu dem Gegenstand aufgebaut.

Die im Urlaub renovierte Kommode, das Fundstück vom Flohmarkt oder das Erbstück einer Tante, die uns immer mit selbstgebackenem Kuchen verwöhnte – die Möbel in unseren vier Wänden, die wir am liebsten mögen, erzählen eine persönliche Geschichte. Besser gesagt: Wir erzählen ihre Geschichten und schreiben ihnen damit einen individuellen Wert zu.

Ohne unsere Erzählung verlieren die Möbel schnell einen großen Teil dieses Werts.

Für Räumungshelfer und Entrümpler sind unsere heißgeliebten Gegenstände oft nur Material für den Sperrmüll. Angehörige von Verstorbenen müssen unter Zeitdruck entscheiden, was behalten, verkauft oder entsorgt wird.

Unsere Erinnerungen sind ihre Arbeit.

Die Last und ihre Chance

Nicht alles, was wir hinterlassen, ist wertvoll. Was uns Freude bereitet hat, wird vielleicht anderen zur Last.
Je mehr wir anhäufen, desto größer wird die Belastung für die, die nach uns kommen.

Je länger ich über diese zunächst schockierende Erkenntnis nachdenke, desto mehr betrachte ich sie als Chance: Denn die Bedeutung, die wir Gegenständen zuschreiben, können wir auch bewusst hinterfragen und bei Bedarf verändern.

Nicht, dass ich mich von allem Gegenständlichen emotional lösen möchte. Das wäre unmöglich. Ich liebe mein gemütliches Sofa und meinen etwas zu kleinen, aber hübschen Schreibtisch, an dem ich das hier schreibe. Und mir macht es Spaß, Wohnungen einzurichten, Möbel umzustellen und Räume zu dekorieren.

Aber den eigenen Besitz einmal aus der Perspektive eines Unbeteiligten zu betrachten, öffnet den Weg, Materiellem seine Macht über uns zu entziehen. Und wenn ich mir klarmache, dass jede materielle Bindung sowieso ein Ablaufdatum hat, kann ich ungenutzte Dinge vielleicht schon heute leichter loslassen.

Am Ende geht es nicht darum, sich von allem zu lösen – sondern darum, bewusst zu besitzen. Weniger Last für die, die nach uns kommen. Und mehr Raum für das, was wirklich bleibt: Erinnerungen, Beziehungen und das Gefühl, dass wir gelebt haben, statt nur Dinge angesammelt zu haben.

Welche Dinge in Deiner Wohnung haben für Dich den größten emotionalen Wert – und wie würde sie wohl ein Fremder bewerten?
Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

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