Vor sechs Jahren habe ich angefangen, über Minimalismus zu schreiben. Vieles hat sich seither verändert – in der Mediennutzung, im Konsumverhalten und in der minimalistischen Ästhetik. Vor allem aber hat sich verändert, was ich selbst behalte und was ich konsequent weglasse.
Zum 6. Bloggeburtstag von Frei-mutig ziehe ich Bilanz: Wie haben sich meine Gedanken über Dinge, Geld und Zeit verändert? Welche Gewohnheiten haben sich bewährt? Was habe ich bewusst losgelassen – und woran halte ich fest?
Hier teile ich mit Dir die wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre.
Was ich inzwischen weglasse
Irgendwann, wenn die erste Minimalismus-Euphorie abebbt, stellt sich die eigentlich interessante Frage: Was passiert, nachdem alles ausgemistet ist?
Frei gewordener Raum füllt sich oft schneller wieder, als uns lieb ist. Wer sich an einer Stelle Zeit freischaufelt, verliert sie unbewusst an anderer Stelle wieder.
Eine große Aufräumaktion macht das Leben nicht automatisch besser. Sie kann nur der Anfang sein.
Die wahre Veränderung entsteht mit den Antworten auf die Frage, die uns jeder Tag neu stellt: Was lasse ich in mein Leben und was nicht?
Sagen wir weiterhin Ja zu Unwichtigem, sagen wir automatisch Nein zu Wichtigerem.
Wenn wir weitermachen wie bislang, füllen sich unsere Wohnungen und unsere To-Do-Listen von Neuem. Es ist wie ein Naturgesetz, so scheint mir, dass Unordnung und Aufgaben dazu tendieren, sich ohne unser Zutun auszudehnen.
Dem fortlaufenden Strom aus Dingen, Verpflichtungen, Erwartungen und Wünschen setze ich nach 6 Jahren Minimalismus-Blog ganz bewusst Grenzen:
Emotionales Einkaufen
Früher war Einkaufen für mich eine normale Freizeitbeschäftigung. Nach einer anstrengenden Woche fühlte es sich gut an, impulsiv Geld auszugeben – der neue Pullover als Belohnung für mich selbst.
Doch das Glücksgefühl nach dem samstäglichen Bummel in der Stadt währte nie lange. Am Ende lagen lauter Schnäppchen und Trendteile im Kleiderschrank, die überhaupt nicht zusammenpassten. Was zu Chaos und Stress am Morgen führte.
Inzwischen shoppe ich nicht mehr, um Zeit totzuschlagen oder mich besser zu fühlen – weder offline noch online. Neue Kleider lasse ich nur in meinen Kleiderschrank, wenn sie zu meinem Stil und meiner bestehenden Garderobe passen.
Ungewollte Werbung
Wie heißt es so schön: Wir begehren, was wir sehen. Und auch: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Je weniger Werbung ich sehe, desto weniger interessieren mich neue Produkte. Deshalb verzichte ich komplett auf das Fernsehprogramm, nutze Anzeigenblocker und bestelle Werbe-Newsletter konsequent ab.
Konsumentscheidungen fallen damit oft erst dann an, wenn ich wirklich etwas brauche und gezielt danach suche. Von außen induzierte Konsumwünsche sind sehr selten geworden.
Selbstgemachte Überforderung
Wer sich mit guten Gewohnheiten beschäftigt, riskiert schnell, sich zu viel vorzunehmen. Ernährung, Sport, Arbeit, Schlaf – die Liste der Optimierungsmöglichkeiten ist endlos.
Das Entwickeln guter täglicher Gewohnheiten ist meiner Überzeugung nach tatsächlich ein extrem effektiver Weg, gesünder zu leben und mehr zu erreichen.
Doch zahlreiche gescheiterte Vorsätze haben mich gelehrt: Zwanghafte Routinen überfordern im Alltag nur.
Ich finde es richtig, sich große Ziele zu setzen und es ist klug, die Macht der Gewohnheit zu nutzen, um sie zu erreichen.
Heute kommt es mir aber weniger darauf an, jeden Tag dieselben Routinen stur durchzuziehen. Das ist bei schwankender Leistungsfähigkeit sowieso unmöglich
Deshalb setze ich die Messlatte bewusst niedrig – so, dass ich die Gewohnheiten auch an den Tagen erfüllen kann, an denen ich weniger Energie und Motivation verspüre.
So verfestigen sich Gewohnheiten dauerhaft und ich gehe konstant zumindest einen kleinen Schritt in die richtige Richtung.
Freizeitstress
Manche Menschen lassen selbst am Wochenende kaum Platz im Kalender und klappern im Urlaub Sehenswürdigkeiten ab wie eine Checkliste.
Auch ich hatte früher das Gefühl, meine Freizeit sinnvoll füllen zu müssen und meine Urlaubstage durchzutakten, damit ich nichts verpasse.
Inzwischen habe ich diesen Freizeitstress weitgehend hinter mir gelassen. Ich überlade meine Urlaube und Wochenenden nicht mehr, sondern lasse bewusst Freiraum für Spontanes, Entdecken oder auch einfach süßes Nichtstun.
Ein Tag, an dem ich gar nichts Spezielles unternehme, kann erholsamer sein als eine ganze Woche Aktivurlaub.
Soziale Verpflichtungen
Findest Du es wichtig, an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen? Klar, ein großes Fest oder soziales Ereignis kann zu einer unvergesslichen Erinnerung werden. Doch ich habe festgestellt, dass ich auf die meisten Veranstaltungen gut verzichten kann.
Häufige Einladungen bringen viele Verpflichtungen mit sich. Finanzielle Beiträge, die Erwartungen anderer, soziale Zwänge – Netzwerken hat seinen Preis. Welche sozialen Verpflichtungen nimmst Du eigentlich nur aus Pflichtgefühl wahr?
Heute wähle ich bewusst die wenigen Veranstaltungen aus, die mir wirklich wichtig sind. Den Rest sage ich ohne schlechtes Gewissen ab. Mein Selbstwert hängt nicht davon ab, wen ich kenne.
Woran ich heute bewusst festhalte
Kommen wir zur anderen Seite der Medaille: Den Dingen, die es langfristig wert sind, sie festzuhalten.
Ich bin jemand, der gerne ausmistet. Manchmal bereue ich aber auch, Dinge zu schnell losgelassen zu haben.
Einige makellose Kleidungsstücke habe ich im Eifer des Gefechts aussortiert, obwohl sie mir gut passten. Heute sehe ich mit etwas Reue, dass sie wieder in Mode wären oder ein Outfit perfekt ergänzen könnten.
Insofern bin ich auch in anderen Bereichen etwas vorsichtiger geworden und streiche Bestimmtes nicht mehr gar so schnell. Zum Teil suche ich sogar gezielt danach.
Dinge mit Geschichte
In letzter Zeit ist mir die ermüdende Eintönigkeit um uns herum bewusst geworden. Architektur, Autos, Cafés – irgendwie sieht alles gleich aus.
Nehmen wir zum Beispiel Wohnungseinrichtungen: Unser Geschmack bei Möbeln scheint sich stets am aktuellen Angebot im Möbelhaus zu orientieren. Bilder, Farben oder Vasen – ob es sich um teure Designerobjekte handelt oder ihre günstigen Kopien aus dem Baumarkt – es macht keinen sichtbaren Unterschied.
Ich vermisse bei dieser beliebigen Massenware mittlerweile schmerzhaft den Charakter. Geht es Dir auch so?
Wie wertvoll sind dagegen Dinge mit persönlicher Note: Der Holztisch, den Du selbst gebaut hast. Die Porzellanschüssel mit der Macke, die Oma schon genutzt hat. Das Einzelstück eines Künstlers, den Du persönlich kennst.
Meine Empfehlung: Umgib Dich mit schönen Dingen, die eine Geschichte erzählen können.
Kerngewohnheiten
Einige Gewohnheiten haben sich auch nach Jahren absolut bewährt. An ihnen halte ich täglich fest – selbst auf Reisen.
Ein paar Minuten Gymnastik am Morgen, ein gesundes Frühstück, mindestens eine Seite in einem Buch lesen – auf den ersten Blick mögen diese Kerngewohnheiten banal klingen. Doch für mich machen sie den größten Unterschied.
Wenn ich mich morgens nicht bewege, fühle ich mich den ganzen Tag schlapp. Wenn ich zu süß frühstücke, bekomme ich garantiert später Heißhungerattacken. Abends in ein Buch statt aufs Handy zu schauen, lässt mich ruhiger schlafen.
Oft sind es die unscheinbarsten Handlungen, die den Tag zu einem guten machen.
Langfristiges Denken
Nicht nur Investoren, auch Minimalisten erkennen: Wer kurzfristig Verzicht in Kauf nimmt, hat langfristig oft mehr davon.
Meist streben wir nach möglichst viel Bequemlichkeit in der Gegenwart: Fertiggerichte, Fast Fashion, schnelle Antworten von der KI. Wir wollen das Ergebnis sofort.
Doch alles Wertvolle braucht Zeit: Verlässliche Beziehungen, Bildung, Stärke, Erfolg, finanzielle Freiheit erfordern unseren kontinuierlichen Einsatz.
Nach 6 Jahren Bloggen über Minimalismus, Gewohnheiten und Finanzen und auch aus allgemeiner Lebenserfahrung weiß ich, wie nützlich eine langfristige Perspektive ist: automatisches Sparen und Investieren, selbst kochen, Nein sagen lernen.
Es lohnt sich, Belohnungen aufzuschieben und Unbequemes auszuhalten. Was anfangs schwerfällt, macht das Leben später leichter.
Echte Auszeiten
Wir haben zwar heutzutage Hilfsmittel für nahezu jedes Problem, doch mehr Muße haben wir deswegen garantiert nicht.
Hohe Erwartungen, sekündlich aktualisierte Nachrichten und ständiges Vergleichen sorgen für Stress. Der größte Faktor für innere Unruhe liegt in meinen Augen jedoch darin, dass wir von morgens bis abends beschäftigt sind.
Wir. Füllen. Jede. Minute. Selbst an der Ampel greifen die meisten sofort zum Smartphone. Warum haben wir aufgehört, einfach da zu sein und unsere Umgebung wahrzunehmen?
Es gibt Phasen, da gelingt es mir besser, mal scheitere ich daran komplett. Aber immer dringender hole ich mir bewusste Auszeiten in den Alltag, in denen ich mich wirklich erholen kann.
Zeiten ohne Bildschirm, ein Spaziergang im Grünen, ein Treffen mit einem Freund, fünf Minuten nur auf den Atem achten.
Dinge, die nichts kosten, außer ein wenig Achtsamkeit.
Nach 6 Jahren Minimalismus-Blog: Viel mehr als nur „weniger Zeug“
Minimalismus hat sich für mich von Anfang an nie nur auf Gegenstände beschränkt. Es ging immer auch um den Rahmen für ein besseres Leben – mit guten Gewohnheiten, soliden Finanzen und echten Erholungsmomenten.
Wie lautet also mein Fazit nach 6 Jahren Bloggen über Minimalismus?
Reduzieren und Loslassen sind kein Selbstzweck. Man muss auch wissen, was man festhalten will.
Minimalismus ist nicht nur eine Methode für Ordnung zu Hause, sondern ein Filter für das Wichtige in allen Lebensbereichen.
Mehr Klarheit, weniger Druck und mehr Energie für das Wesentliche – das ist für mich der eigentliche Gewinn nach sechs Jahren.
Was behältst Du auch nach Jahren – und was bist Du froh, losgelassen zu haben?
Ich freue mich auf Eure Kommentare!
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Ein sehr reflektierter und ehrlicher Beitrag nach 6 Jahren Bloggen! Der Ansatz, bewusst Dinge wegzulassen, statt immer nur mehr anzuhäufen, ist heute wichtiger denn je – nicht nur bei materiellen Dingen, sondern gerade auch beim täglichen Medien- und Informationskonsum. Danke für diese inspirierenden Gedanken und weiterhin viel Erfolg mit dem Blog!
Mich beschäftigt vor allem der Gedanke, nach sechs Jahren Minimalismus ausgerechnet wieder vorsichtiger mit dem Wegwerfen zu werden.
Erst lernt man, Dinge loszulassen. Dann merkt man, dass auch das Loslassen zur Gewohnheit werden kann – und plötzlich bekommen alte Kleidungsstücke, Erinnerungen und Kerngewohnheiten wieder Bleiberecht.
Das ist vermutlich die erwachsenere Form des Minimalismus:
Nicht möglichst wenig behalten. Sondern weniger falsch wegwerfen.🦌
Danke für die schöne Reflexion, lieber Kuschelbock!
Viele Grüße, Rebecca
Liebe Rebecca,
auch von mir herzliche Glückwünsche zum 6. Blog- Geburtstag und danke für deine interessanten Impulse, auch diesmal wieder.
Ich bin sehr froh, dass ich das einfache Leben für mich und meine Familie entdeckt habe. Dadurch konnten wir in unserer zentral gelegenen Wohnung bleiben: kein Umzug, keine teuren Mieten….. mittlerweile sind die Kinder ausgezogen…..
Im letzten Jahr habe ich meine Hobbies ausgemistet. Mehr wie zwei oder drei Hobbies schaffe ich doch nicht….und jetzt weiß ich, was ich wirklich gerne möchte und was mir Freude macht….
Das Leben bleibt spannend und ich freue mich schon auf deine nächsten Artikel hier.
Liebe Grüße
Barbara
Liebe Barbara,
herzlichen Dank für Deine Glückwünsche! Ich freue mich, dass Du schon so lange mitliest und das Vereinfachen Dein Leben immer wieder neu bereichert 🙂
Viele liebe Grüße
Rebecca
Herzlichen Glückwunsch zum 6. Geburtstag deines Blogs! 🎉
Wirklich schön, dass du immer noch und immer wieder schreibst und neue Gedanken mit uns teilst. So viele Blogs haben in den letzten Monaten aufgegeben, vielleicht weil es nichts mehr zu schreiben gibt, vielleicht weil KI uns irritiert. Dafür wird die KI-Flut immer mehr. Um so schöner, dass du im Bloguniversum weiter schreibst und ich immer wieder neue Impulse mitnehmen kann.
Ich bin eine kleine Horterin. Obwohl ich nicht viel kaufe, sammelt sich mit der Zeit so einiges an.
Was ich inzwischen loslasse, ist das Aufheben von besonderen Dingen für „besondere Momente“. Zum Beispiel besondere Seife extra nicht zu nutzen, ein besonderes Kleidungsstück nie anzuziehen oder den besonders leckeren Kaffee lieber noch ein bisschen aufzubewahren. Macht keinen Sinn, denn wann soll dieser Moment denn sein, wenn ich es nutzen möchte? Aber steckte jahrelang in mir drin, dass ich sowas doch bewahren müsste und nicht benutzen kann. Also fange ich nach ein paar Monaten „hinstellen und schön finden“ an, alles aufzubrauchen und erfreue mich daran – wird sonst eh schlecht. 🙂
Erinnerungsstücke, die mir wirklich viel bedeuten, sammle ich inzwischen an einem Ort, in kleinen Kisten, für 10 Jahre jeweils eine. Das sind vor allem Kleinigkeiten, Eintrittskarten oder Dinge, die mich an etwas spezielles erinnern. Und die kann ich in nostalgischen Momenten durchschauen und mich erinnern. Das reicht mir aus.
Ich wünsche dir noch viele Jahre schöne Blogideen und alles drumherum.
Liebe Grüße,
Christiane
Liebe Christiane,
vielen Dank für Deine Glückwünsche! Sind es wirklich schon 6 Jahre? 😊
Zu schreiben gäbe es sicherlich weiterhin viel. KI-Texte verleiden mir inzwischen aber auch immer häufiger das Lesen. Alles klingt dann so glatt und leblos. Blogs sind da ein wohltuender Gegenpol, weil sie Raum für neue Ideen, persönliche Gedanken und Unabgeschlossenes lassen.
Das Aufheben von wertvollen Dingen für besondere Momente habe ich auch abgelegt. Schöne Kleider kann ich doch jeden Tag anziehen – oder eine Gelegenheit dafür finden. 🙂
Viele liebe Grüße
Rebecca